30.1.2026

B. Jacobs

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4

Min

Nearshoring statt Fernhandel? Wie sich Warenströme 2026 neu ausrichten

Globale Lieferketten stehen weiterhin unter Anpassungsdruck. Geopolitische Spannungen, volatile Frachtraten, Handelshemmnisse und steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit verändern die strategischen Entscheidungen vieler Industrie- und Handelsunternehmen. Eine Entwicklung rückt dabei zunehmend in den Fokus: Nearshoring – also die Verlagerung von Produktions- oder Beschaffungsstandorten näher an die Absatzmärkte.

Doch bedeutet das tatsächlich das Ende globaler Warenströme? Oder handelt es sich vielmehr um eine Neujustierung bestehender Netzwerke?

Warum Fernhandel an Attraktivität verliert

Über Jahrzehnte galt Offshoring – insbesondere nach Asien – als Effizienztreiber. Niedrige Produktionskosten und etablierte Seefrachtrouten ermöglichten planbare Lieferketten. Spätestens seit den Störungen der vergangenen Jahre ist jedoch deutlich geworden, wie abhängig Unternehmen von stabilen politischen, infrastrukturellen und logistischen Rahmenbedingungen sind.

Lange Transitzeiten über See, Engpässe in Häfen, Containerverfügbarkeit oder regulatorische Unsicherheiten erhöhen das Risiko. Hinzu kommt der wachsende Druck, Lieferketten transparenter und nachhaltiger zu gestalten. Lange Transportdistanzen wirken sich direkt auf CO₂-Bilanzen aus – ein Faktor, der in Beschaffungsentscheidungen zunehmend berücksichtigt wird.

Nearshoring: Kürzere Wege, neue Herausforderungen

Nearshoring bedeutet in der Praxis häufig eine Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Osteuropa, in die Türkei oder nach Nordafrika. Für europäische Unternehmen bieten diese Regionen geografische Nähe, vergleichsweise wettbewerbsfähige Kostenstrukturen und kürzere Lieferzeiten.

Logistisch verändert sich damit das Transportprofil erheblich. Seefracht wird teilweise durch Straßengüterverkehr oder kombinierte Verkehre ersetzt. Transitzeiten verkürzen sich, Reaktionsfähigkeit steigt. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Grenzprozesse, Zollabwicklung und Infrastruktur.

Nicht jede Region verfügt über dieselbe Transport- und Lagerinfrastruktur wie etablierte Fernhandelszentren. Straßenqualität, Terminalkapazitäten oder politische Stabilität spielen eine zentrale Rolle. Nearshoring reduziert Distanz – ersetzt aber nicht die Notwendigkeit professioneller Planung.

Multimodalität gewinnt an Bedeutung

Mit der Verschiebung von Warenströmen verändert sich auch die Rolle der Verkehrsträger. Während transkontinentale Lieferketten stark auf Seefracht ausgerichtet sind, gewinnen beim Nearshoring multimodale Konzepte an Gewicht. Kombinationen aus Straße und Schiene oder Short-Sea-Verkehre im Mittelmeerraum ermöglichen flexible und vergleichsweise schnelle Lösungen.

Besonders im Automotive- oder Maschinenbausektor, wo Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Prozesse dominieren, wird Transportgeschwindigkeit zum strategischen Faktor. Kürzere Wege bedeuten geringere Sicherheitsbestände – vorausgesetzt, die Transportketten sind stabil und transparent.

Kosten, Risiko und Nachhaltigkeit im Spannungsfeld

Nearshoring wird häufig als nachhaltigere Alternative zum Fernhandel dargestellt. Tatsächlich können kürzere Transportdistanzen Emissionen reduzieren. Gleichzeitig sind Produktionskosten in näher gelegenen Regionen oft höher als in klassischen Offshoring-Märkten. Unternehmen müssen daher sorgfältig abwägen: Welche Gesamtkosten entstehen unter Berücksichtigung von Risiko, Beständen, Transport und regulatorischen Anforderungen?

Ein weiterer Aspekt ist die Diversifizierung. Viele Unternehmen setzen nicht ausschließlich auf Nearshoring, sondern kombinieren regionale und globale Beschaffungsmodelle. Diese „China-plus-one“- oder „Dual-Sourcing“-Strategien erhöhen die Resilienz, verlangen jedoch eine komplexere Logistiksteuerung.

Infrastruktur als limitierender Faktor

Die zunehmende Verlagerung von Warenströmen in Richtung europäischer Peripherie stellt Infrastrukturbetreiber vor neue Aufgaben. Grenzübergänge, Bahnterminals und Straßennetze müssen steigende Volumina aufnehmen können. Engpässe können sonst schnell zu neuen Verzögerungen führen – diesmal nicht auf hoher See, sondern auf dem Landweg.

Hier zeigt sich: Die geografische Nähe allein garantiert keine stabile Lieferkette. Entscheidend ist, wie gut Transportkapazitäten, Zollprozesse und digitale Schnittstellen aufeinander abgestimmt sind.

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Nearshoring verändert Transportprofile, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit robuster Logistikstrukturen. Kürzere Wege erhöhen die Flexibilität, doch erst durch abgestimmte Infrastruktur, multimodale Konzepte und transparente Prozesse entstehen wirklich resiliente Lieferketten.

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